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SommerWerkstatt 2012

Dokumentation der Sommerwerkstatt 2012 des Gender Diversity e.V., Fachverband für gender-kompetente Bildung und Beratung, vom 21.-23.6.2012 in der Heimbildungsstätte Villa Fohrde in Brandenburg

Einleitung

Fünfzehn Mitglieder und vier Gäste waren der Einladung zur diesjährigen Sommerwerkstatt in die Tagungsstätte Villa Fohrde gefolgt, die ca. eine Stunde von Berlin entfernt in ruhiger und idyllischer Lage an der Havel gelegen ist.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen im ehemaligen Herrenhaus (Villa) wurde anschließend die Sommerwerkstatt im neuen Seminarhaus, das mit ökologischen Baustoffen gebaut eine schöne Atmosphäre ausstrahlte, eröffnet.

Ruth Slomski und Andreas Haase, das diesjährige Moderationsteam, sorgten durch belebende Übungen für eine angenehme Einstimmung auf die verschiedenen Themen und für ein gutes Ankommen in der Gruppe. Dem Werkstattcharakter entsprechend wurden die Themenangebote gemeinsam diskutiert und die zeitliche Struktur der acht Workshops festgelegt, die genug Raum für Austausch, persönliche Begegnungen und Freizeitaktivitäten ließ. Der angrenzende Park, die großzügigen Rasenflächen und die wunderschöne Lage direkt am Wasser boten, bei meist sonnigem Wetter, ein herrliches Ambiente und luden zur Nutzung ein. Der gemeinsame Grillabend am Freitag war gekrönt durch den Auftritt der Band Skarabäus aus Berlin, die mit eigenen Songs und Coverliedern von bekannten türkischen Musikern eine Superstimmung verbreitete und bei Sonnenuntergangsstimmung zum Tanzen animierte. Einige Fußballbegeisterte verfolgten gemeinsam das Europameisterschaftsspiel und so klang der ereignisreiche Tag mit nächtlichen Gesprächen rund um die Feuerschale gemütlich aus.

Um den Teilnehmenden und anderen Interessierten den Überblick zu erleichtern, gibt die Dokumentation den Zeitablauf der Sommerwerkstatt wieder und skizziert die einzelnen Workshops kurz. Ausführliche inhaltliche Erläuterungen und Informationen sind jeweils am Textende verlinkt.

Wer sich zunächst einen Eindruck von der Atmosphäre während der diesjährigen Sommerwerkstatt verschaffen will, ist eingeladen, die Fotogalerie zu besuchen.

 

Workshops

1. Workshop-Thema: Antifeminismus und Männerpolitik

Dr. Thomas Gesterkamp war als Referent zur Sommerwerkstatt eingeladen um über Antifeminismus und Männerpolitik zu referieren und mit den Teilnehmenden zu diskutieren. Er informierte über Denkfiguren der Antifeministen, ihre Argumentationsmuster und Feindbilder sowie über die verschiedenen Akteure (z.B. MANNdat, Väteraufbruch, AGENS/ „Befreiungsbewegung für Männer“, Familiennetzwerk Deutschland) und ihre Strategien. Er vertritt die Thesen: „Der Antifeminismus einer selbsternannten „Männerrechtsbewegung“ repräsentiert nicht die „Männerbewegung“ als Ganzes und prägt nicht die Männerpolitik.“ Er spricht für eine emanzipatorische Männerpolitik, die geschlechterdialogisch orientiert ist und mit Frauen kooperieren will und den antifeministischen Männerrechtlern den Wind aus den Segeln nimmt. „Frauenpolitik sollte deshalb die Thematisierung männlicher Anliegen ernst nehmen und zu einem konstruktiven Geschlechterdialog beitragen.“ Mehr zu seinen Thesen ist hier zu finden.

In der Diskussion wurde die „Ungleichzeitigkeit des Dialogs“ thematisiert, dass es bisher nicht gelungen ist eine Geschlechterdialogstruktur einzurichten und die Debatte auf konstruktiver Ebene zu führen. Vielmehr gibt es Zurückzieheffekte in bestehende Strukturen, alte Inhalte, Überzeugungen und Klischees werden nicht überwunden.

Der Verband sollte mehr Anstöße geben um in den Geschlechterdialog zu gehen. In der Diskussion wurde ein ehrlicher Gender-Dialog geführt, in guter und entspannter Atmosphäre und ohne geschlechtsspezifische Schuldzuweisungen.

2. Workshop-Thema: Gender-Team revisited

Sybille Wiedmann regte durch einige Fragestellungen an, gemeinsam über Gender-Teams Mann/Frau als Qualitätsstandard für Gender-Trainings zu reflektieren. Wie wird der Standard begründet und stellt GENDER als Konzept nicht genau diese Team-Konstellation auch in Frage? Werden Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit als Ordnungssysteme nicht gerade dadurch reproduziert?

Fraglich scheint ihr, ob mit der expliziten Reproduktion der Zweigeschlechtlichkeit im Mann/Frau Gender-Team es gelingt „Geschlechtszuweisungen zu irritieren und aufzubrechen“, wie vom Fachverband in seinen Qualitätsstandards formuliert. Das strategische Mann/Frau Team kann – muss aber nicht nach ihrer Meinung zur Qualität beitragen.

Die Diskussion verlief teilweise polarisierend und es gab ein großes Veto zum Aufhänger am „Standard“, das Gender-Team als Mann/Frau ist als „Kann“-Bestimmung und nicht als „Muss“ in den Qualitätsstandards des Fachverbandes formuliert. Mehr zu den Diskussionsergebnissen und Anregungen für die Fortführung der Thematik im Verband sowie links zu Qualitätsstandards und Gender-Teams finden sich hier.


3. Workshop-Thema: Wein & Gender – ein Gender-Weinseminar

Ruth Slomski führte bei der diesjährigen Sommerwerkstatt am ersten Abend wieder vor, dass ein Gender-Weinseminar ein sehr spannendes Konzept zur Gender-Sensibilisierung sein kann. Nach Einführung in das ABC des Weinverkostens wurden von ihr verschiedene Facetten des Themas erläutert: aus historischer Perspektive, Wein als „vergeschlechtlichtes“ Getränk, geschlechter-segregiertes Arbeitsfeld in Weinanbau und –herstellung und geschlechtstypische Arbeitsteilung. Sie machte die Teilnehmenden mit der Weinsprache (Zuschreibung vermeintlich männlicher/ weiblicher Attribute in Weinbeschreibungen) und mit Aspekten zu Konsum und Marketing sowie Wein als vergeschlechtlichtem Statussymbol vertraut. Darüber hinaus wurde über biologische Unterschiede der Geschlechter beim Weinkonsum und über wissenschaftliche Äußerungen dazu diskutiert. Weitere Informationen zur Gender-Weinprobe finden sich hier.

Ruth Slomski bietet ihre Weinproben zum Gender-Gehalt von Weinen für kleine und größere Gesellschaften an und kann über ruth.slomski@gmx.de angefragt werden.

4. Workshop-Thema: „State of the Art Gender - Buchprojekt

Angelika Blickhäuser und Henning v. Bargen hatten 2011 im Kontext der Heinrich Böllstiftung den Versuch gestartet, ein Buch mit Geschichten aus der Praxis von Gender-Beratung und Gender-Arbeit aufzulegen. Mangels Resonanz von möglichen AutorInnen wurde das Projekt vorerst aufgegeben. Auf der Sitzung des Fachverbandsvorstandes im Januar 2012 wurde die Idee aufgegriffen und als mögliches Projekt des Fachverbandes auf die Agenda gesetzt.

Der Workshop diente dazu mittels Brainstorming die Idee weiter auszuarbeiten und als Vorschlag in die Mitgliederversammlung einzubringen. Der Arbeitstitel des Buches soll „Gender und Diversity im Alltag“ lauten. Im Brainstorming wurden Ideen zu den Zielgruppen, zu der Aufmachung und zur Botschaft sowie zu den Inhalten, zur Gliederung nach Schwerpunkten bis hin zu konkreten Themen und möglichen AutorInnen gesammelt. Darüber hinaus wurden nächste Schritte und Anregungen für die Mitgliederversammlung und den Vorstand vorgeschlagen. Auf der anschließenden Mitgliederversammlung wurden die Vorschläge diskutiert und ein Beschluss zur Einsetzung einer Redaktionsgruppe gefasst und das Ziel formuliert, das Buch bis Ende 2013 fertig zu stellen. Weitere Ausführungen über die Ergebnisse des Workshops finden sich hier und im Protokoll der Mitgliederversammlung vom 22.6.2012.

5. Workshop-Thema: GenderWalk – Eine Sensibilisierungsmethode zur Wahrnehmung und zum Verständnis von Gender und Diversity im öffentlichen Raum

Stephanie Hüffell führte in eine Methode ein, die bei genderWerk im Rahmen einer Lernpartnerschaft 2006/08 entwickelt und seitdem mit verschiedenen Zielgruppen zur Anwendung kam. GenderWalk ist eine Methode zur Geschlechtersensibilisierung und zur Geschlechteranalyse. Sie macht die Konstruktion von Geschlecht und Ungleichstrukturen im öffentlichen Raum sichtbar. Im Workshop werden die Zusammenhänge von Gender, Macht und Raum physisch erlebbar und die geschlechtsspezifische Verfügbarkeit von Angeboten und Ressourcen im städtischen Raum aufgezeigt.

Der Workshop konnte bei Sonnenschein im Garten durchgeführt werden. Nach Einführungsübungen mit Perspektivwechsel diskutierten die Teilnehmerinnen mithilfe eines Fragebogens, wie eigenes und fremdes geschlechtliches Rollenverhalten im öffentlichen Raum erkennbar wird, wie dieses reflektiert werden kann, wie sich Geschlechterverhältnisse im öffentlichen Raum niederschlagen und wie diese wiederum den öffentlichen Raum prägen.

 

Gegen Ende fand ein Austausch darüber statt, welche Zielgruppen sich für den genderWalk eignen und welche positiven Erfahrungen es bisher gibt. Bisher wurde diese Methode mit Schüler_innen ohne Gendervorkenntnisse, Studierenden mit Genderkenntnissen und ausländischen Gruppen verschiedenen Alters durchgeführt. Der genderWalk wird als geführter zweistündiger Stadtrundgang und als Halb- sowie Ganztagsworkshop angeboten. Bei „Gender in the City“ wird der Unterschied zu „Sex and the City“ bildhaft vermittelt und persönlich spürbar.

6. Workshop-Thema: Zeit „Selbst + Ständig“

Christian Raschke regte in seinem Workshop für Selbständige und stetig Projektarbeitende an, gemeinsam über Zeit, Zeitstruktur, Zeitkulturen, Zeitplanung sowie über verschiedene Zeittypen unter Genderperspektive zu reflektieren.

Die Teilnehmenden sollten sich selbst zu den vier verschiedenen Zeittypen und zu den vier Typen des Arrangements aus Privat- und Berufsleben zuordnen. In Kleingruppen wurden verschiedene Genderaspekte der Typenzuordnung reflektiert und anschließend die Zusammensetzung der Gruppen im Plenum gender-kritisch hinterfragt. Mehr dazu findet sich hier.

 

7. Workshop-Thema: „In jeder Frau steckt ein Löwe“ – Auftreten und Kommunikation im beruflichen Kontext

Alexandra Kramm und Anne Haedke waren als Gäste zur Sommerwerkstatt eingeladen um ihr „Löwenseminar – Konzept“ vorzustellen. Sie bieten dieses ausschließlich für Frauen an, die aus allen Berufsfeldern und aus unterschiedlichen Hierarchiestufen kommen. Die Teilnehmerinnen lernen Unterschiede im Umgang mit Macht und mit Rollen sowie Unterschiede im Auftreten zwischen Frauen und Männern wahrzunehmen und trainieren neue Verhaltensweisen zur Stärkung ihrer Durchsetzungskraft im beruflichen Kontext. Sie erarbeiten mit den Frauen jeweils individuell passende Handlungsmöglichkeiten und unterstützen diese, Klarheit über sich und ihre berufliche Rolle sowie über eigene Stärken zu gewinnen. Sie wenden Übungen zu Körpersprache, Stimme und Bewegung sowie Improvisationen und Rollenspiele an. Im Workshop wurden Kontakt- und Improvisationsübungen im Freien durchgeführt. Als Stimmübung wählten sie einen Text, der von den Teilnehmenden mit verschiedenen Emotionen vorgetragen wurden. Sie demonstrierten ihre Arbeitsweise mit einem Rollenspiel, in dem ein berufliches Konfliktgespräch (Mann/Frau) simuliert und gemeinsam ausgewertet wurde. In der Diskussion wurde das Festhalten an alten Rollenklischees und Rollenstereotypen angeführt und in Frage gestellt, ob nicht doch männliches Machtverhalten und Dominanzstreben im „Löwenseminar“ kopiert werden? Mehr dazu findet sich hier.

 

8. Workshop-Thema: Konzeption einer Berufsbegleitenden Weiterbildung zum/zur Gender-Diversity-TrainerIn

Jan Kasiske hatte diesen Workshop einberufen. Bereits am 22.5.2012 hatten sich acht Verbandsmitglieder in Köln getroffen und erste Überlegungen angestellt, wie eine solche Weiterbildung durch den Verband aussehen könnte.

Es soll eine Weiterbildung werden, die über bis zu 10 Modulen läuft mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten. Neben einer Basissensibilisierung sollen dann drei Spezialisierungen folgen können. Insgesamt wurden Vorschläge für die Bereiche: Curriculum, Finanzierung, Kooperationen, Umsetzung, Zielgruppen, Ausschreibung und Marktanalysen gesammelt.

Über das Curriculum, Kooperationen und die Finanzierung wird sich die Regionalgruppe West, ergänzt durch Henning v. Bargen, Gedanken machen. Die Anbindung an den Vorstand läuft über Jan Kasiske und Ruth Slomski.

 

Als nächste Schritte werden am 2.10.12 um 11 Uhr bei Angelika Blickhäuser in Köln die bis dahin von der Regionalgruppe West und Berlin erstellten Konzepte weiter beraten.

Ausblick

Die Sommerwerkstatt wird nächstes Jahr auch wieder in der Bildungsstätte Villa Fohrde www.villa-fohrde.de in der Zeit vom 24.- 26.7.2013 stattfinden.

Die Gesamtdokumentation wurde von Stephanie Hüffell erstellt.

Und nun viel Spaß beim Stöbern!

 

 

 

 


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