SommerWerkstatt 2011

Dokumentation der SommerWerkstatt des Gender Diversity e.V., Fachverband für gender-kompetente Bildung und Beratung, vom 30.06. – 02.07.2011 in der Akademie Waldschlösschen, Reinhausen bei Göttingen.

Einleitung

„Inspiration: 

Zeit und Raum

für Begegnungen, Gespräche, Ideen,

Einblicke und Ausblicke.

 Ein Ort des Lernens,

der neuen Gedanken,

des Durchatmens,

des Wohlfühlens.“

„Ein guter Ort, um zum Wesentlichen zu kommen“

 So verspricht es der Hausprospekt des Waldschlösschens und übertrifft mit seinen großzügigen Angeboten bei weitem die Erwartungen der Teilnehmenden der diesjährigen Sommerwerkstatt. Medial gut ausgestattete Tagungsräume, schöne Einzelzimmer und das kulinarische Angebot sorgten für das leibliche und physische Wohlbefinden. Das Wetter ermöglichte es, sowohl drinnen als auch draußen zu arbeiten und in den Pausen in der Blütenpracht des Gartens zu wandeln. 

Zwanzig Mitglieder und drei Gäste waren dieses Jahr der Einladung zur Sommerwerkstatt ins Waldschlösschen gefolgt, die mit einem gemeinsamen Mittagessen begann. Pari Niemann und Jan Kasiske, das diesjährige Moderationsteam, sorgten durch belebende Übungen für ein gutes Ankommen in der Gruppe und eine angenehme Einstimmung auf die Themen. Zusammen wurde die zeitliche Struktur für die insgesamt zehn Workshops festgelegt, die genügend Raum für Austausch, persönliche Begegnungen und Freizeitgestaltung ließ. Durch das Gestalten von Collagen, gemeinsames Malen und weitere kreative und auflockernde Elemente wurde im Verlauf der Werkstatt immer wieder eine Balance von Kopf und Körper, Emotionen und Kognition hergestellt. Ebenso haben die Gender-Weinprobe und das gemeinsame Verfolgen der Frauenfußballweltmeisterschaft zur Bereicherung beigetragen.

Um den Teilnehmenden und anderen Interessierten den Überblick zu erleichtern, gibt die Dokumentation den Zeitablauf der Sommerwerkstatt wieder und skizziert die einzelnen Workshops kurz. Ausführliche inhaltliche Erläuterungen und Informationen (PPP, Vorträge, Workshopergebnisse und Berichte) sind jeweils am Textende verlinkt. 

Wer sich zunächst einen Eindruck von der Atmosphäre während der diesjährigen Sommerwerkstatt im Waldschlösschen verschaffen will, ist eingeladen, die Fotogalerie zu besuchen.

Workshops

1. Workshop-Thema: Führen Frauen anders? - Was ist an Führung weiblich oder männlich?

Christian Raschke leitete diesen Workshop und führte ins Thema ein. Er formulierte u.a.  er folgendes Statement: “Gender ist für Kommunikation so prägend und Führung ist zu 90% Kommunikation. Deshalb kann man ohne Gender-Diversity-Kompetenz Führung nicht verstehen und dazu auch nicht coachen. Da Führung per se männlich konnotiert ist, ist die Frage im Titel des Workshops auch nicht falsch, sie spiegelt nur die gesellschaftliche Realität wider“. Dieses und auch andere wurden während des Workshops aus mehreren Perspektiven diskutiert. Näheres dazu hier.

2. Workshop-Thema: Und wo bleibt die männliche Verletzbarkeit im Geschlechterdiskurs? – Plädoyer für einen Diskurs der „Gleichwertigkeit“ beider Geschlechter

Hans-Joachim Lenz hatte in seinem Vortrag einige zugespitzte Thesen zur Weiterentwicklung des Geschlechterdiskurses präsentiert: „Geschlechterforschung, Geschlechterpolitik und daraus abgeleitete Programme wie Gender Mainstreaming klammern bislang weitgehend die Wahrnehmung der männlichen Verletzbarkeit aus. Diese Geschlechterdiskurse unterliegen einer asymmetrischen Verzerrung in der Beschreibung beider Geschlechter und vollziehen diese selber oder unterstützen sie zumindest. Eine angemessene geschlechtersensible Wahrnehmung wird unterlaufen durch Geschlechterzuschreibungen, die in traditionell- bürgerlichen Geschlechternormen des späten 18. Jahrhunderts wurzeln. Diese Geschlechternormen sollten durch die aktuellen Geschlechterdiskurse eigentlich dekonstruiert werden“.  Mehr über seine Thesen ist hier zu finden.

3. Workshop-Thema: GenderWalk – eine Sensibilisierungsmethode zur Wahrnehmung und zum Verständnis von Gender und Diversity im öffentlichen Raum

Dipl.-Ing. Stephanie Hüffell führte in eine Methode ein, die bei genderWerk im Rahmen einer Lernpartnerschaft 2006/08 entwickelt und seitdem mit verschiedenen Zielgruppen zur Anwendung kam. GenderWalk ist eine Methode zur Geschlechtersensibilisierung und zur Geschlechteranalyse. Sie macht die Konstruktion von Geschlecht und Ungleichstrukturen im öffentlichen Raum sichtbar. Im Workshop werden die Zusammenhänge von Gender, Macht und Raum physisch erlebbar und die geschlechtsspezifische Verfügbarkeit von Angeboten und Ressourcen im städtischen Raum aufgezeigt.

Nach einer Einführungsübung mit Perspektivwechsel bei herrlicher Sonne im Garten zwang uns der Regen, den Workshop indoor fortzusetzen. Die Teilnehmenden diskutierten mithilfe eines Fragebogens, wie eigenes und fremdes geschlechtliches Rollenverhalten im öffentlichen Raum erkennbar wird, wie dieses reflektiert werden kann, wie sich Geschlechterverhältnisse im öffentlichen Raum niederschlagen und wie diese wiederum den öffentlichen Raum prägen. Ferner wurde der Zusammenhang von Gender, Macht und Raum und gesellschaftlichen Wertungen von Männlichkeit und Weiblichkeit erkundet.

Gegen Ende fand ein Austausch darüber statt, welche Zielgruppen sich für den genderWalk eignen und welche positiven Erfahrungen es bisher gibt. Bisher wurde diese Methode mit Schüler_innen ohne Gendervorkenntnisse, Studierenden mit Genderkenntnissen und ausländische Gruppen verschiedenen Alters durchgeführt. Sie wird als zweistündiger Stadtrundgang und als Halb- sowie Ganztagsworkshop angeboten. Bei „Gender in the City“ wird der Unterschied zu „Sex and the City“ bildhaft vermittelt und persönlich spürbar. Gerne wird der Workshop auch auf der nächsten Sommerwerkstatt wiederholt.

4. Workshop-Thema: Kritik der medizinischen Konstruktion von Transsexualität

Dr. Volker Weiß führte mit einem Vortrag in wissenschaftsgeschichtliche Untersuchungen ein und erläutert, wie die Diagnose Transsexualität historisch entstanden ist. Ursprünglich wurde sie als Krankheit angesehen, die durch die Gabe von Hormonen und chirurgische Eingriffe behandelbar ist. Akzeptiert wurden transsexuelle Wünsche wenn sie als Krankheit (= richtige Seele im falschen Körper) konstruiert werden. Faktoren, die diese Sichtweise begründen sind u.a. die zugrunde liegende bipolare Geschlechterordnung und Heteronormativität sowie zu die Machbarkeit diesbezüglicher Eingriffe und Forschungsinteressen der Medizin. Der Vortrag und weitere Ausführungen dazu finden sich hier und hier.

5. Workshop-Thema: Wohin bewegt sich der Fachverband?

Vor dem Hintergrund der bevorstehenden Mitgliederversammlung lud Andreas Haase zu diesem Thema ein. Er stellte provokative Fragen wie: Was wäre, wenn es den Fachverband nicht mehr gäbe? Was würden wir vermissen? Ziel war es, eine (emotionalen) Verortung vorzunehmen und zu klären, welche Vorstellungen und Visionen es bzgl. der Zukunft des Fachverbandes gibt. Die Diskussion zeigte, dass es eine Lücke zwischen den (vermuteten) Ansprüchen und den realistischen Möglichkeiten gibt und dass im Fachverband Prioritäten gesetzt werden müssen.

Der Workshop fand in einer konstruktiven Arbeitsatmosphäre statt, die geprägt war von einem emotionalen Zugang, offenen Fragen und gegenseitiger Wertschätzung. Positiv hervorgehoben wurde von den Teilnehmenden, dass der analytische Ansatz und das prozesshafte Vorgehen zur eigenen Klärung beigetragen und Raum für Anregungen und weitere Ideen geschaffen haben. Die im Workshop entwickelte positive Energie fand ihre Fortsetzung in die Mitgliederversammlung, in der  vier neue Vorstandsmitglieder gewählt wurden.

6. Workshop-Thema:

Pari Niemann regte in ihrem Workshop mit einem Film und einer Übung zur Reflexion und zum Nachdenken über Diversity an, dem ein kollegialer Austausch folgte. Sie plant eine Veröffentlichung dieses Workshops an anderer Stelle und wird die Publikation zu gegebener Zeit auf der Website des Verbandes bekannt geben.

7. Workshop-Thema: Chancenprozesse in den Beziehungsverhältnissen von Männern und Kindern – Und wo bleibt der Dialog?

Wolfgang  Englert nahm als Gast an der Sommerwerkstatt teil und thematisierte den Umgang mit Hindernissen bei der Umsetzung geschlechterbewusster Ansätze und Gender Mainstreaming bei der Arbeit mit „männlichen Fachkräften in Kitas. Es handelt sich um Vorbehalte in Trägerorganisationen, Widerstände beim mittleren Management sowie den „Generalverdacht der Pädophilie“. Weiterhin spielen die unterschiedlichen Kommunikationsstile von Frauen und Männern eine Rolle. In diesem Workshop wurden die Methoden, die zu Lösungen der benannten Probleme führen können, diskutiert und diesbezügliche Erfahrungen ausgetauscht. Weitere Informationen dazu finden sich hier.

8. Workshop-Thema: Gender Mainstreaming versus „gefühlte Misandrie“

Gerd Riedmeier trat als Gast-Referent vom „Forum Inklusion“ auf, das sich als eine geschlechterpolitischen Initiative von Frauen und Männern versteht, die das Ziel verfolgen, eine Polarisierung zwischen den (beiden) Geschlechtern zu vermeiden und eine Begegnung auf Augenhöhe zu ermöglichen. Weitere Informationen finden sich hier.

9. Workshop-Thema: „Femininer Charakter – maskuliner Körper?” Eine Weinprobe zum Thema Mann und Frau.

Im Herrenzimmer des Waldschlösschens leitete Ruth Slomski an langer Tafel und zu später Stunde eine Gender-Weinprobe, die einen imposanten Tagesausklang darstellte. Nachdem sie – dem Anlass entsprechend mit weinroter Schärpe gekleidet – zunächst über geschichtliche Zusammenhänge von Wein und Gender sowie Genderaspekte in der Weinproduktion informierte, führte sie uns anschließend in die Grundlagen der Weinprobe ein (Farbe und Klarheit checken, riechen, schmecken, genießen…). Sie machte die Teilnehmenden mit der Weinsprache (Zuschreibung vermeintlich männlicher/ weiblicher Attribute in Weinbeschreibungen) und mit Aspekten zu Konsum und Marketing (verschiedene Zielgruppen, unterschiedliches Kaufverhalten) vertraut. Nach je drei Weißwein- und Rotweinproben wurde über Wein und Sex diskutiert und die biologischen Unterschiede der Geschlechter beim Weintrinken. Weitere Informationen zur Weinprobe finden sich hier. Ruth Slomski bietet ihre Weinproben zum Gender-Gehalt von Weinen für kleine und größere Gesellschaften an und kann über ruth.slomski@gmx.de angefragt werden.

10. Workshop-Thema: Gender Diversity in den social networks

Dr. Andrea Rothe machte in ihrem Workshop den Nutzen von social networks zur Promotion von Gender Diversity – am Beispiel der Gruppe Gender und Diversity bei Xing – deutlich. In ihrem Vortrag erläuterte sie die Hintergründe und Funktionsweise von Xing sowie den Aufwand von Gruppengründung und  -betreuung. Der Vortrag findet sich hier.

11. Workshop-Thema: Kanalreduktion: Ausschlüsse und Einschlüsse der Kontaktqualität bei Beratung und Training in virtuellen Räumen

Jan Kasiske führte in den Workshop mit Übungen zur Wahrnehmung des/der Gegenüber am Telefon, per Email oder Skype ein. Anschließend erörterten die Teilnehmenden diverse Aspekte Selbstinszenierungen und Vorurteile in virtuellen Beratungsräumen zum Tragen kommen und welche Möglichkeiten diese bieten. Anschließend wies Jan Kasiske auf den lesenswerten Artikel „Vom antwortenden Tagebuch zur Nutzung virtueller Räume“ – Entstehung, Entwicklungen und Perspektiven von Online-Beratung“ von Christine Huth-Hildebrandt (Frankfurt a.M.) hin, der hier abrufbar ist. Die Zusammenfassung der Diskussionsergebnisse ist hier nachzulesen.

Ausblick

Auch im nächsten Jahr wird es wieder eine SommerWerkstatt geben. Sie findet vom 21. bis 23. Juni 2012 in der Bildungsstätte Villa Fohrde http://www.villa-fohrde.de nördlich von Berlin statt.

Die Gesamtdokumentation wurde von Dipl.-Ing. Stephanie Hüffell erstellt.

Und nun viel Spaß beim Stöbern!