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Leser_innenbriefe

Hier finden Sie Leser_innenbriefe von Verbandsmitgliedern. In ihnen kommt die Meinung der Autor_innen zum Ausdruck, die nicht mit der Sichtweise des Vorstands übereinstimmen muss.

Leserinbrief von Pari Niemann an Spiegelonline zum Artikel „Triumph der Schmetterlinge“ vom 25.08.08 und „ Wohlfühl - Kuschelpädagogik geht Jungs gewaltig auf die Nerven“ vom 05. 04. 2008

Dass Jungen in der Schule schlechter abschneiden als Mädchen, hat einen historischen Hintergrund. Dass Gender Mainstreaming von der EU legitimiert wurde und deshalb in die nationale Politik der Mitgliedstaaten umgesetzt werden muss, hat ebenfalls einen historischen Hintergrund.

Beides beruht auf historisch gewachsenen, männlich dominierten Strukturen, die sich in der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik – und somit auch in der Bildung manifestieren. Mann-Frau-Beziehungen und das familiäre Miteinander können dementsprechend nicht von der Gesellschaft isoliert betrachtet werden. Denn wie sich familiäre, frühkindliche und schulische Erziehung gestalten, ist ein Ergebnis der historischen und gesellschaftlichen Entwicklung.

Die schlechteren Schulnoten der Jungen als Ergebnis einer mutwilligen Diskriminierung zu betrachten, ist ein fataler Fehler und wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Es mag sein, dass im Einzelfall auch in der Schule – wie in allen anderen Institutionen – dogmatisches Denken, das zu Vorurteilen gegenüber „Minderheiten“ führt, auch einmal Angehörige  männlichen Geschlechts betrifft, wenn sie in der Minderheit sind. Aber wie erklärt sich die Tatsache, dass Mädchen in Bezug auf die Bildung weltweit auf dem Vormarsch sind – auch in islamischen Ländern? Im Iran, z.B., wo Studentinnen bis vor kurzem  keinen Zugang zu einigen Fächern des Ingenieurswesens hatten,  machen sie dennoch seit Jahren über 60% der Studierenden aus.

Die Mädchen sind in deutschen Schulen besser als ihre männlichen Altergenossen, weil sie – wie überall auf der Welt – die Erfahrung machen, dass der Weg zu Wohlstand, Fortschritt und Unabhängigkeit über die Bildung geht. Junge Frauen sind in der Arbeitswelt auf dem Vormarsch, weil sie sich seit 30 Jahren immer öfter an erfolgreichen weiblichen Vorbildern in der Familie und in der Gesellschaft orientieren können, und weil sie die Erfahrung machen, dass sie selbst an ihrem Glück arbeiten müssen.

Jungen schneiden in der Schule schlechter ab, weil ihnen männliche Vorbilder fehlen. Väterlich Leitfiguren fehlen in Familien immer öfter – das zeigt die hohe Zahl der alleinerziehenden Mütter. Aber auch verheiratete und in Partnerschaften lebende Mütter sind oft „alleinerziehend“. Dies kann man an Elternabenden ebenso beobachten wie in der Freizeit, denn wer bringt die Kinder zum Schwimmen, zum Musikunterricht und zu den Kindergeburtstagen? Wer steht am Fußball- und Basketballfeld, wenn die „Minis“ spielen?

Jungen bringen deshalb weniger Leistung, weil sie sehr früh die Erfahrung machen, dass ihnen vieles „geschenkt“ wird und dass sie nicht viel tun müssen, um die Aufmerksamkeit der Umwelt zu erhalten. Von ihnen wird im Kindesalter weniger  Verantwortung gefordert – für sich und für die anderen. Das führt dazu, dass sie eine geringere Frusttoleranz entwickeln.

Jungen schließen weltweit in der Schule schlechter ab als Mädchen, weil ihnen weniger Grenzen gezeigt werden und weil es an männlichen Erziehenden fehlt – in der Familie, im Kindergarten und in der Grundschule. Eine Ursache dafür liegt darin, dass erzieherische und pflegerische Berufe schlechter bezahlt werden und als „weibliche“ Berufe „verrufen“ sind. Das alles ist ein Ergebnis der männlich dominierten Entwicklung der letzten 100 Jahre. Über die Jahre davor brauchen wir ja gar nicht zu reden.

Also, was ist zu tun?

Liebe aufgeweckte, aufgeklärte, emanzipierte Männer, hören Sie auf, den Feminismus zu verunglimpfen und ihn für die Misere in der männlichen Welt verantwortlich zu  machen! Nutzen und anerkennen Sie die wissenschaftlichen Forschungen und Erkenntnisse von Feministinnen, denn schließlich  waren sie diejenigen, die durch die Entwicklung der Geschlechterforschung weltweit auch vielen Wissenschaftlern zu einer Professur verholfen haben – in der Ethnologie, Linguistik und den Sozialwissenschaften. Unterstützen Sie die Genderforschung in allen Wissenschaftsdisziplinen, besonders in den Erziehungswissenschaften und der Pädagogik!

Überprüfen Sie, was „Mann“ bei der Erziehung von Jungen und Mädchen falsch macht.  Untersuchen Sie, was in der männlichen Welt falsch gelaufen ist und noch immer falsch läuft. Aggressivität existiert bei Jungen genauso wie bei Mädchen, allerdings gibt es unterschiedliche Ausdrucksweisen, ebenfalls ein Produkt von sozialem Lernen. 

Die Natur hat den Geschlechtern das nötige „Handwerkszeug“ gegeben, um zu überleben. Und die Natur hat auch jedes Individuum anders gestaltet. Nicht alle Mädchen und alle Jungen sind von Natur aus „Puppen- oder FußballspielerInnen“. Und genau deshalb gibt es Verbände wie DISSENS, die anbieten, jenseits von historisch verfahrenen, männlich dominierten Modellen zu erziehen. Konzentrieren wir uns darauf, Kinder, Mädchen wie Jungen, gemäß ihrer individuellen Natur zu verantwortlichen Menschen zu erziehen.

Als Mutter von drei Söhnen weiß ich zu gut, wie unterschiedlich Jungen sein können. Als Tochter einer mädchenreichen Familie weiß ich auch sehr gut, wie unterschiedlich Mädchen sein können. Und als hauptberufliche Gleichstellungsbeauftragte mache ich jeden Tag die Erfahrung, dass Männer und Frauen viel voneinander zu lernen haben und nur in Ergänzung zueinander die gesellschaftlichen Probleme lösen können.

Pari Niemann

Vorstandsmitglied des Fachverbands Gender Diversity und Gleichstellungsbeauftragte beim NDR am 01.09.2008

Link zum Artikel vom 25.08.08 http:/www.spiegel.de/spiegel/0,1518,574193,00.html


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